Die letzten Dinge


Neurscheinung ( 2007 )des Büchleins Die letzten Dinge von Pater Martin Ramm - kann auch kostenlos in meinem Webshop bestellt werden !!



P. Martin Ramm FSSP

Thalwil 2007
MIT KIRCHLICHER DRUCKERLAUBNIS

Helfen Sie mit, dieses Büchlein zu verbreiten!
Es kann auch in größerer Menge
kostenlos bezogen werden.

Für Spenden zur Deckung unserer Druck- und Versand­kosten sowie zur Förderung unseres Apostolates sind wir sehr dankbar. Unsere Spendenkonten stehen am Ende dieses Büchleins.

Informationen über weitere Schriften im Dienst der Neuevangelisierung finden Sie unter www.apostolat.de

Gerne senden wir Ihnen auch unser sonstiges Programm:
Ferienveranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Familien
Wallfahrten
Exerzitien im Geist des hl. Ignatius von Loyola

Bestelladressen:

P. Martin Ramm FSSP Haus St. Michael
Ludretikonerstr. 3 Kapellenweg 5
CH-8800 Thalwil D-88145 Opfenbach
0041-(0)44-772 39 33 0049-(0)8385-1625
p.ramm@fssp.ch
post@fssp.eu

Haus St. Leopold
Kleine Neugasse 13/4
A-1050 Wien
0043-(0)1 -5058341
fgrafl@yahoo.de



INHALT

Die letzte Stunde
Der Tod
Selbstmord und Euthanasie
Eine gute Sterbestunde
Reinkarnation
Das persönliche Gericht
Barmherzigkeit
Licht und Finsternis
Das Fegfeuer
Die Hölle
Der Himmel
Das Ende der Welt
Die Auferstehung
Das Weltgericht
Das Sakrament der Krankensalbung
Sakramentenempfang im Alter
Gewissensfragen für ältere Menschen
Praktische Hinweise für Angehörige
Das braune Skapulier
Erzbruderschaft des hl. Josef
Gebete um eine gute Sterbestunde
Sterbegebete

DIE LETZTE STUNDE

Man kann versuchen sie zu verdrängen, aber sie lässt sich nicht verdrängen. Kommen wird sie doch, und zwar für jeden, der diese Zeilen liest.

Was immer man über Gott und das ewige Leben denken mag, der Tod fordert zur persönlichen Stellung­nahme heraus. Und wenn wir uns dieser Frage nicht stel­len, stellt sie sich früher oder später uns: ,Mensch, wo gehst du hin?'

Viele Menschen leben so ganz ohne Hoffnung, so ganz ohne zu wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen und was der wahre Sinn ihres Lebens ist. Das ist traurig!

Die letzte Stunde eines Menschen auf dieser Erde ist die wichtigste Stunde seines Lebens, denn sie ist die Stunde der Entscheidung. Deshalb sollte die Sorge um eine gute Sterbestunde uns mindestens ebenso wichtig sein wie die Sorge um Gesundheit, Ansehen und Wohl­ergehen.

Diese Schrift möchte daran erinnern, was der katho­lische Glaube über die letzten Dinge lehrt, und eine Per­spektive zeigen, die über den Tod hinausgeht. Wir sind davon überzeugt, dass es die Wahrheit ist. Möge sie vie­len zum Segen werden!

DER TOD

Wie man sich zum Leben stellt, hängt sehr davon ab, wie man sich zum Tod stellt und was man danach erwar­tet. Erst im Blick auf das Ziel erhält das ganze Leben Richtung und Sinn.

- Man kann versuchen, den Tod zu verdrängen, indem man einfach so lebt, als ob es ihn nicht gäbe. Doch wer so handelt, betrügt sich selbst.

- Man kann auch am Tod verzweifeln. Dies geschieht meistens dann, wenn eine Verdrängung nicht mehr möglich ist.

- Viel besser ist es, der Wirklichkeit des Todes ins Auge zu schauen und daraus die richtigen Konse­quenzen zu ziehen. Dazu werden wir aufgefordert, wenn wir am Aschermittwoch das Haupt neigen, um vom Priester das Aschenkreuz zu empfangen, und dabei die Worte hören: „ Gedenke, Mensch: Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren!"

Die richtige Einstellung zum Tod bewirkt eine see­lische Entspannung. An die Stelle ängstlicher Ungewiss­heit tritt eine ruhige Erwartung, verbunden mit einem mächtigen Ansporn zu einem guten Leben.

Gewissheit

Dass Menschen sterben, wissen wir aus täglicher Erfahrung. Es sterben aber nicht nur die anderen, und es geht bekanntlich nicht immer nach dem Alter. Daran erinnert eindrücklich die Fürbitte bei der Beerdigung: „Lasset uns auch beten für den aus unserer Mitte, der zuerst dem Verstorbenen vor das Angesicht Gottes fol­gen wird."

Wir werden alle einmal an der Reihe sein, denn wir alle haben eine sterbliche Natur. „Jeder Mensch wird alt wie ein Gewand; es gilt das ewige Gesetz: man muss einst sterben! Gleich wie am grünen Baum der Blätter­wuchs, wovon das eine welkt, das andre frisch ersprießt, so sind auch die Geschlechter all von Fleisch und Blut." (Sir 14,17 f)

Die Kunst stellt den Tod als Sensemann mit einer Sanduhr dar. Wie der Sand unaufhaltsam rinnt, so ver­gehen die Tage und Stunden unseres Lebens. Wir erle­ben die Zeit als flüchtig. Und einmal wird das letzte Körnlein fallen. Dann kommt die große Ernte. „Des Menschen Tage sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin, und der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr. Doch die Huld des Herrn währt ewig über allen, die ihn fürch­ten." (Ps 103,15 - 17)

Ungewissheit

So sicher es ist, dass wir sterben werden, so unge­wiss sind Zeit und Umstände. Es ist ziemlich sicher, dass wir in 100 Jahren nicht mehr auf dieser Erde weilen wer­den. Aber ob wir morgen noch leben werden? Der hl. Apostel Jakobus warnt vor einer falschen Sicherheit: „Hört doch, die ihr sagt: ,Heute oder morgen werden wir in die und die Stadt reisen, dort ein Jahr verbringen, Handel treiben und Geschäfte machen.' Ihr wisst ja nicht, was morgen sein wird! Denn was ist euer Leben? Ein Hauch seid ihr, der für kurz zu sehen ist und dann wieder verschwindet." (Jak 4,13 f) Es bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als einzugestehen, dass unser irdisches Leben sehr zerbrechlich ist. Das ist demütigend für den stolzen Menschen.

SELBSTMORD UND EUTHANASIE

An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass gar niemand ein Verfügungsrecht über sein Leben hat. Daran erinnert der hl. Apostel Paulus, wenn er sagt: „Nicht euch selber gehört ihr." (1 Kor 6,19) Und an anderer Stelle: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn." (Röm 14,8) Unser Leib und unser Leben sind von Gott und für Gott. In seiner Hand liegt unser Leben und unser Sterben.

Wer Gott als Schöpfer und als Herrn über Leben und Tod anerkennt, wird nicht nur andere nicht töten, son­dern er wird auch niemals Hand an sich selber legen, denn so lautet das fünfte Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott. - Du sollst nicht töten!"

Es ist uns sicher nicht erlaubt, über Menschen zu ur­teilen, die in dunklen Stunden Dummheiten machen, für die wir hoffen, dass sie dafür nicht die volle Verantwortung tragen. Tatsächlich wissen wir ja nicht, welche innere Not sich hinter einer solchen Verzweiflungstat verbirgt und was in den letzten Sekunden seit dem ,Sprung von der Brücke' in einer Seele vorgegangen ist. Die Sache aber müssen wir klar und deutlich verurteilen. Selbstmord [auch ,Suizid' oder ,Freitod'] ist niemals und unter keinen Umständen zu rechtfertigen! Ebenso verwerflich sind die Beihilfe zum Selbstmord und jede Form von ,Euthanasie'. Es gibt kein unwertes Leben, und weder behinderte noch alte noch kran­ke Menschen noch solche, die sich anmaßen, in deren Na­men zu entscheiden, haben ein Recht, durch direkte Tötung oder durch Verweigerung von Flüssigkeitszufuhr oder medi­zinischer Grundversorgung das Leben zu beenden.

Wir vertrauen darauf, dass auch in dunkelsten Stun­den Gott die Kraft gibt, das Kreuz gut und bis ans Ende zu tragen. „ Gott ist getreu. Er wird euch nicht anfechten lassen über eure Kräfte." (1 Kor 10,13) Eine besondere Kraft im Leiden vermittelt dem, der es gläubig empfängt, das Sakrament der Krankensalbung.

EINE GUTE STERBESTUNDE

Was muss man tun, um gut zu sterben? Die Antwort ist nicht schwierig: Um gut zu sterben, muss man gut leben. Wer mit Gott verbunden lebt, braucht den Tod nicht sonderlich zu fürchten.

Viele Weltmenschen wünschen sich den Tod vor allem kurz und schmerzlos. Dabei denken sie hauptsäch­lich an die äußeren Umstände des Sterbens, vergessen aber nur zu gern die inneren Umstände, die doch viel wichtiger sind.

Als Christen bitten wir mit den Worten der Allerhei­ligenlitanei: „ Vor einem plötzlichen und unvorhergese­henen Tode bewahre uns, o Herr!" Hinter dieser Bitte steht eine wichtige Wahrheit: Nur solange wir leben, haben wir Zeit, Gutes zu tun. Nach dem Tod aber kön­nen weder Verdienste gesammelt noch kann geordnet noch bereut werden. Vielmehr ist es, wie das Sprichwort sagt: „ Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen." (Pred 11,3) Deshalb können die letzten Minuten im Leben eines Menschen außerordentlich wichtig sein.

Durch eine aufrichtige Reue kann man, so lange man lebt, noch manches in Ordnung bringen. Denken wir nur an den Räuber am Kreuz, der zu Jesus seine Zuflucht nahm und dessen Vertrauen belohnt wurde mit den Wor­ten: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!" (Lk 23,43)

Es ist eine große Gnade, den Schritt hinüber in die andere Welt möglichst bewusst und gut vorbereitet tun zu können und mit einem letzten Akt der Liebe und Reue vor den göttlichen Richterstuhl zu treten.

Weil aber der Zeitpunkt des Todes ungewiss ist, mahnt die Heilige Schrift zu steter Wachsamkeit: „Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass jener Tag euch wie ein Dieb überfallen könnte." (1 Thess 5,4) Vielmehr: „Eure Lenden sollen umgürtet sein, und eure Lampen sollen brennen. Ihr sollt sein wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, wenn er von der Hochzeit heim­kehrt, damit sie ihm, wenn er kommt und anklopft, so­gleich öffnen. Selig jene Knechte, die der Herr bei sei­nem Kommen wachend antrifft." (Lk 12,35 - 37)

Es ist gut, die Stunde des Todes mit all ihren Um­ständen vertrauensvoll in Gottes Hand zu legen. Wir wollen leben in seiner Gnade und bereit sein für den Tag, an dem er uns ruft.

Ein sehr schönes Gebet um eine gute Sterbestunde ist das ,Gegrüßet seist du, Maria'. Darin rufen wir den Bei­stand und die Fürsprache der Muttergottes an für die beiden wichtigsten Momente unseres Lebens: das „Jetzt" und die „Stunde unseres Todes".

Was geschieht im Tod?

Im Tod trennt sich die Seele vom Leib. Beide gehen dann eigene Wege, bis sie nach katholischem Glauben wieder vereint werden bei der Auferstehung des Flei­sches am Jüngsten Tag.

Es ist guter christlicher Brauch, den Leib eines Ver­storbenen sehr ehrfürchtig zu behandeln und ihn auf einem Friedhof wie ein Samenkorn mit dem Segen der Kirche in geweihter Erde zu bestatten. Die Kirche emp­fiehlt nachdrücklich, an der Erdbestattung festzuhalten. Eine Feuerbestattung wäre dann ausdrücklich verboten, wenn sie aus Gründen gewählt wird, die der christlichen Glaubenslehre widersprechen [CIC can 1176 §3 / 1184].

Bitterkeit und Trost

Zwar behält das Sterben auch für den Christen eine natürliche Bitterkeit. Die Natur mag sich sträuben und der Abschied Schmerz bereiten. Bei all dem aber über­wiegt doch frohe Hoffnung, denn „ der Christ, der sein Sterben mit dem Sterben Jesu vereint, versteht den Tod als Kommen zu Jesus und als Eintritt in das ewige Le­ben" (KKK 1020).

So heißt es in der Präfation der Totenmessen: „Be­drückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit.

Denn Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge dieser irdischen Pilgerschaft zerfällt, wird ihnen im Himmel eine ewige Wohnung bereitet."

Jesus hat ja selbst gesagt: „Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten: Und bin ich hingegangen und habe ich eine Stätte bereitet für euch, dann komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid." (Joh 14,2 f)

Ganz erfüllt von christlicher Hoffnung und von der Erwartung eines kommenden Frühlings sind die Sterbegebete der Kirche, mit denen sie das Hinscheiden ihrer Gläubigen begleitet: „Fahre hin, christliche Seele, aus dieser Welt, im Namen Gottes, des allmächtigen Vaters, der dich geschaffen hat, im Namen Jesu Christi, des Sohnes, der für dich gelitten hat, im Namen des Heiligen Geistes, der über dich ausgegossen worden ist ... Heute noch sei dir im Frieden eine Stätte bereitet!"

Wie schön ist es, wenn ein Mensch mit Paulus sagen kann: „Für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn." (Phil 1,21)

REINKARNATION

Um so trauriger ist es, dass viele Zeitgenossen in religiöser Orientierungslosigkeit ihre Zuflucht zu ganz abwegigen fernöstlichen Vorstellungen nehmen. Die Lehren von ‚Reinkarnation' und ‚Seelenwanderung' sind heute geradezu in Mode. Sie gehen davon aus, dass nach dem Tod die Seele des Menschen in einem neuen Leib wieder geboren werden kann.

Der hl. Apostel Paulus erteilt solchen Vorstellungen eine klare Absage, wenn er schreibt: „Es ist den Menschen bestimmt, einmal zu sterben, und darauf kommt das Gericht." (Hebr 9,27)

Der Glaube an eine Wiedergeburt steht im krassen Widerspruch zum christlichen Menschenbild [vgl. KKK 1013]. Er nimmt weder die Leiblichkeit des Menschen noch seine Willensfreiheit ernst. Die leib-seelische Einheit des Menschen wird bei dieser Lehre aufgelöst und der Leib abgewertet, denn er gehört nicht mehr wesentlich zum Menschen, sondern wird im Kreislauf der Geburten immer wieder ausgewechselt.

Wie ganz anders klingt da der katholische Glaube von der Heiligkeit des Leibes und von der Auferstehung! Die Hl. Schrift mahnt uns, das eine Leben auf Erden gut nutzen. In diesem Leben schenkt Gott jedem Menschen alle zum Heil notwendigen Gnaden.

DAS PERSÖNLICHE GERICHT

Es ist eine wichtige Frage, ob die guten und schlechten Taten eines Menschen Konsequenzen haben im Hinblick auf ein jenseitiges Leben.

Wer ein schlechtes Leben führt, wird wohl wünschen, dass es ein Gericht, einen Himmel und eine Hölle nicht gibt. Tatsächlich aber erwartet das Gericht nicht nur diejenigen, die daran glauben, sondern auch die anderen. Kein Weg führt daran vorbei. „Alle müssen wir erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder das erhalte, wofür er in seinem Leib tätig war, sei es Gutes, sei es Böses." (2 Kor 5,10)

Für solche, die in Sünden leben, soll die ernste Wahrheit vom Gericht durchaus ein Grund zur Sorge sein und eine dringende Mahnung zur Umkehr.

Nach der Lehre der Kirche findet das persönliche Gericht unmittelbar nach dem Tod statt und entscheidet sofort und endgültig über das ewige Schicksal jedes Menschen [vgl. KKK 1021]. Entweder tritt dann die Seele unmittelbar in die himmlische Seligkeit ein, oder sie geht durch eine Läuterung, oder sie wird auf ewig verdammt.

Es besteht aber ein großer Unterschied zwischen weltlichen Richtern und dem göttlichen Gericht. Weltliche Richter richten nämlich nur über offenbare Verge

hen, und wo kein Kläger, da kein Richter. Auch sonst ist ihr Urteil leicht mit allerlei Mängeln behaftet. Der göttliche Richter aber richtet gerecht. Er wird alles Gute belohnen und alles Böse bestrafen. Dabei kann er sich nicht irren, und nichts kann man vor ihm verbergen. „Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und offenbar machen die Regungen der Herzen, und dann wird Anerkennung werden einem jeden von Gott." (1 Kor 4,5)

Jedes noch so kleine und verborgene gute Werk wird der „ Vater, der im Verborgenen sieht" (Mt 6,4) vergelten. Selbst wer um Christi willen auch nur einen Becher Wasser gibt, „ wird um seinen Lohn nicht kommen" (Mk 9,41). Doch ebenso wird auch das Böse bestraft werden, denn Jesus hat gesagt: „ Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, haben sie Rechenschaft zu geben am Tag des Gerichtes." (Mt 12,36)

BARMHERZIGKEIT

Dabei ist es sehr tröstlich zu wissen, dass Gott, obgleich gerecht, doch sehr viel milder richtet als die Menschen, denn Gott ist Barmherzigkeit. Seine Barmherzigkeit ist grenzenlos, aber sie ist nicht bedingungslos [vgl. Mt 6,12]. In der Bergpredigt preist Jesus jene selig, die selbst barmherzig sind, „denn sie werden Erbarmen finden" (Mt 5,7). Er warnt vor dem Urteilen über Menschen, „denn mit dem Urteil, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden "(Mt 7,2). Bei Jakobus aber heißt es: „ Ohne Erbarmen wird das Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit übt. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht." (Jak 2,13)

Sehr eindrücklich kommt dies zum Ausdruck im Gleichnis vom König, der sich eines Knechtes erbarmt und ihm seine Schuld von 10.000 Talenten 100 Millionen Denaren] erlassen hat. Als dann aber dieser Knecht hartherzig war gegen einen Mitknecht, der ihm nur 100 Denare schuldete, sprach der König: „Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebeten hast! Hättest nicht auch du deines Mitknechtes dich erbarmen sollen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe?" (Mt 18,32 f) Und Jesus fügt hinzu: „So wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen verzeiht." (Mt 18,35)

Ansporn zum Guten

Ein Christ sollte immer im lebendigen Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott leben und im Hinblick auf den Tag der Rechenschaft. Dazu wird er im klassischen Ritus der Kindertaufe ermahnt, wenn der Priester ihm gleich nach der Taufe das Kleid überreicht: „ Empfange das weiße Kleid und bringe es makellos vor den Richterstuhl unseres Herrn Jesus Christus." Und dann die Kerze: „ Empfange das brennende Licht und untadelig bewahre deine Taufe. Halte die Gebote Gottes. Wenn dann der Herr zur Hochzeit kommt und mit ihm alle seine Heiligen am himmlischen Hof dann kannst du ihm entgegen gehen, und du wirst leben in Ewigkeit."

Durch den Glauben und die Liebe zu Gott verliert der Gedanke an das Gericht seinen Schrecken. Jesus hat ja gesagt: „ Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod hinüber geschritten ins Leben." (Joh 5,24) Vielmehr soll uns der Gedanke an die nahende Abrechnung über die uns von Gott anvertrauten Talente [vgl. Mt 25,19] ein mächtiger Ansporn zum Guten sein. Diese Konsequenz zieht der hl. Apostel Paulus, wenn er sagt: „ Solange wir also Zeit haben, wollen wir Gutes tun an allen, vornehmlich an denen, die uns nahe stehen im Glauben." (Gal 6,10)

Es wäre töricht, sich Schätze nur auf Erden zu sammeln, denn man kann ja gar nichts mit hinüber nehmen in die Ewigkeit. Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Wer nur auf diese Welt baut, wird am Tag des Gerichtes sehr enttäuscht sein, denn alles wird ihm wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. „So geht es dem, der Schätze sammelt für sich und nicht reich ist vor Gott." (Lk 12,21)

Um reich zu sein vor Gott, muss man die Schätze dort sammeln, wo weder Motte noch Rost sie verzehren und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen [vgl. Mt 6,19]. Dazu empfiehlt der hl. Franz von Sales, jeden Morgen mit einer guten Meinung zu beginnen: „Denke daran, dass der gegenwärtige Tag dir gegeben wurde, damit du durch ihn die Ewigkeit gewinnst. Nimm dir fest vor, den Tag dafür gut zu nützen." (Philothea 11,10)

An seinen Schüler Timotheus schreibt Paulus die hoffnungsfrohen Worte: „Nun liegt mir bereit der Kranz der Gerechtigkeit, den mir überreichen wird der Herr an jenem Tag als der gerechte Richter; nicht nur mir, sondern auch allen, die in Liebe zugewandt sind seinem Erscheinen." (2 Tim 4,8)

Was geschieht im Gericht?

Im Gericht wird das gesamte Leben des Menschen geprüft, all sein Denken, sein Reden und sein Tun. Der hl. Apostel Paulus vergleicht es mit einer Feuerprobe, wenn er sagt: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, das ist Jesus Christus. Ob einer auf diesen Grund Gold baut oder Silber, Edelsteine, Holz, Heu oder Stroh, eines jeden Werk wird sichtbar werden; denn der Tag des Herrn wird es erweisen, er offenbart sich ja im Feuer, und wie beschaffen das Werk des einzelnen ist - das Feuer wird es erproben." (1 Kor 3,11 - 13)

Deshalb ist es klug, schon in diesem Leben die Dinge stets nach ihrem Ewigkeitswert zu beurteilen. Erst aus dieser Perspektive sieht man alles im richtigen Licht. Man lernt zu unterscheiden zwischen dem, was vergänglich ist, und dem, was bleibt, zwischen dem, was gut und was schlecht ist, zwischen dem, was unserer Seele nützt, und dem, was ihr schadet, um dann alle Dinge so weit zu gebrauchen, wie sie uns zu dem Ziel hin fördern, zu dem wir geschaffen sind, und sie so weit zu lassen, wie sie uns daran hindern [vgl. Exerzitien des hl. Ignatius].

So werden wir am Tag des Gerichtes die ,Feuerprobe' gut bestehen, auf dass unser Glaube sich als echt erweist „ und als weit kostbarer als vergängliches, im Feuer geläutertes Gold" (1 Petr 1,7).

LICHT UND FINSTERNIS

Vor allem im Evangelium nach Johannes spielt die Symbolik von Licht und Finsternis eine wichtige Rolle.

Im Gespräch mit Nikodemus sagt Jesus: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott sandte den Sohn nicht in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt gerettet werde durch ihn. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet ... Das aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht." (Joh 3,16 - 19)

Später nennt Jesus sich selbst das „Licht der Welt" (Joh 8,12). Und Johannes schreibt: „Das ist die Botschaft, die wir gehört haben von ihm und euch verkünden: Gott ist Licht, und Finsternis ist nicht in ihm." (1 Joh 1,5)

Das natürliche Licht der Sonne ist nur ein schwaches Abbild der göttlichen Herrlichkeit. Sehr schön drückt dies der hl. Franziskus in seinem Sonnengesang aus: „Sei gelobt, mein Herr, mit all Deinen Kreaturen. Sonderlich mit der hohen Frau, unserer Schwester, der Sonne, die den Tag macht und mit ihrem Licht uns leuchtet, wie schön in den Höh 'n und prächtig in mächtigem Glanze bedeutet sie, Herrlicher, Dich!"

Wie das Auge gemacht ist für das Licht der Sonne, so ist der Mensch geschaffen und befähigt für das göttliche Licht. So schreibt der hl. Apostel Petrus: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein geheiligtes Volk, ein Volk, das dazu erworben wurde, damit ihr die Ruhmestaten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat in sein wunderbares Licht." (1 Petr 2,9) Mit Paulus wollen wir „in Freude Dank sagen dem Vater, der uns befähigt hat, Anteil zu erhalten am Erbe seiner Heiligen im Licht" (Kol 1,12).

Wie Gott Licht ist, so ist die Abkehr von Gott Finsternis. Diese Finsternis, die von Gott trennt, heißt Sünde. Weil aber Licht und Finsternis nicht vereinbar sind [vgl. 2 Kor 6,14], muss jeder Mensch sich entscheiden.

Die Nachfolge Christi verpflichtet zu einem Leben im Licht, verbunden mit einer klaren Absage an den Satan und an alle Werke der Finsternis. „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern gehen, sondern das Licht des Lebens haben." (Joh 8,12) Deshalb mahnt der hl. Apostel Johannes: „ Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft haben mit ihm, und in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie auch er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde." (1 Joh 1,5 - 7)

DAS FEGFEUER

Ein gesundes Auge liebt das Licht, ein krankes Auge aber hasst das Licht. Bei manchen Augenkrankheiten kann es sehr schmerzhaft sein, das Sonnenlicht ertragen zu müssen. Und wenn das Auge längere Zeit im Finstern war, bereitet ihm ein plötzliches helles Licht Schmerzen. Man kann dann das Licht nicht gleich ertragen, sondern muss sich erst langsam daran gewöhnen.

Ganz ähnlich ist es mit der Seele im Augenblick des Todes. Es gibt dann drei Möglichkeiten. Entweder ist sie ganz im Licht. Dann wird sie sofort in die himmlische Herrlichkeit eingehen. Oder sie hasst das Licht. Dann könnte für sie nichts schrecklicher sein, als den Anblick Gottes ertragen zu müssen, und sie wird sich selbst in die Finsternis der Hölle stürzen. Oder sie ist zwar nicht Feind des Lichtes, aber sie ist auch nicht ganz im Licht.

Dies ist der Zustand jener, die zwar in der Gnade Gottes gestorben, aber mit noch ungebüßten zeitlichen Sündenstrafen oder noch nicht getilgten lässlichen Sünden behaftet sind. Solange nur ein Schatten von Finsternis in ihnen ist, vermögen sie die Fülle des göttlichen Lichtes, an der sich die Heiligen im Himmel erfreuen, noch nicht zu ertragen. Sie werden Gott danken, dass es -einen Ort gibt, um sich langsam an das Licht zu gewöhnen. Diesen Ort jenseitiger Läuterung nennt die Tradition der Kirche ,Fegfeuer' [vgl. KKK 1030].

Heimweh

Heimweh kann für ein Kind sehr schmerzlich sein. Jeder Augenblick erscheint ihm dann unendlich lang, und es vergeht förmlich in Sehnsucht nach der Heimat.

Ähnlich ergeht es den Seelen im Fegfeuer. Nachdem sie im Gericht einen Strahl des göttlichen Lichtes geschaut haben, erfasst sie eine unbeschreiblich große Sehnsucht nach Gott. Doch selbst das intensivste menschliche Heimweh ist nur ein schwaches Bild für jene Sehnsucht, mit welcher sie sich nach der ewigen Heimat bei Gott sehnen. Jede Faser ihres Wesens drängt danach, sich mit Gott zu vereinen, von dem sie aus eigener Schuld noch getrennt sind. Dieses ,Heimweh' lässt ihnen jeden Augenblick wie eine Ewigkeit erscheinen.

Die ,Theologin des Fegfeuers'

Eine eindrückliche Erklärung über das Fegfeuer findet sich in den Schriften der hl. Katharina von Genua [1447-1510].

Sie schreibt, dass dort einerseits allergrößte Zufriedenheit herrscht, denn die Seelen sind im Willen ganz mit Gott geeint, und ihr einziges Verlangen ist es, geläutert zu werden.

Andererseits aber herrscht dort allergrößte Pein darüber, von Gott noch getrennt zu sein. Gott hat nämlich jede Seele mit einem sicheren beseligenden Drang auf sich hin erschaffen. Dieser Drang kann im Leben durch die Sünde zwar zugedeckt und die Seele wie durch ,Rost' gleichsam verkrustet werden. Auslöschen aber kann man ihn niemals.

Im Moment des Gerichtes wirft Gott dann einen ,verbindenden Liebesblick' auf die Seele und zieht sie mit unwiderstehlicher Macht an sich. In einem Augenblick erkennt sie mit letzter Klarheit, dass sie für Gott erschaffen und dass er allein ihr Glück und ihre Seligkeit ist. Sie erfasst aber auch, was es um die Sünde ist, die sie noch von Gott trennt.

Die hl. Katharina beschreibt die göttliche Wesenheit als von solcher Reinheit und Lauterkeit, mehr, als ein Mensch sich vorstellen kann, „ so dass die Seele, die eine so minimale Unvollkommenheit an sich hätte, als der kleinwinzigste Splitter groß ist, sich so schnell wie möglich

in tausend Höllen stürzen würde, um ja nicht mit diesem ganz minimalen Makel in seiner Gegenwart zu erscheinen". Weil die Seele also erkennt, dass das einzige Hindernis ihrer Verbindung mit Gott die Sünde ist und dass sie davon nicht anders als im Fegfeuer befreit werden kann, findet sie darin große Barmherzigkeit und stürzt sich sogleich freiwillig dort hinein.

In dieser Läuterung wird dann gleichsam der ‚Rost' der Sünde getilgt, so dass die Sehnsucht nach Gott immer größer und größer wird.

Schließlich wird es nichts mehr geben, was geläutert werden könnte, und „selbst wenn die geläuterte Seele weiter in das Feuer hineingehalten würde, so wäre das für sie nicht mehr schmerzlich, es wäre vielmehr nur noch das Feuer der göttlichen Liebe." (Ferdinand Holböck, Die Theologin des Fegfeuers, Christiana-Verlag 1991, S. 103-126)

Arme Seelen

Obgleich sie ihres ewigen Heiles sicher sind, nennt man sie doch ,arme' Seelen, weil sie in ihrem Zustand für sich selbst nichts mehr tun können. An die Stelle aktiver Genugtuung [satisfactio] tritt ein rein passives läuterndes Leiden [satispassio].

Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehren gehalten, denn wenn sie auch für sich selbst nichts mehr tun können, so können doch wir dank der Gemeinschaft der Heiligen den armen Seelen durch Gebet und Almosen, durch das hl. Messopfer und durch die Gewinnung von Ablässen helfen [vgl. KKK 1032].

DIE HÖLLE

Zur ganzen Wahrheit des Evangeliums gehört auch die reale Möglichkeit einer ewigen Verdammnis.

Nicht umsonst hat Jesus eindringlich von der Hölle gesprochen. Die Bergpredigt beispielsweise besteht keineswegs nur aus Seligpreisungen. Vielmehr enthält sie auch sehr ernste Warnungen. So sagt Jesus: „Es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde." (Mt 5,29) Und etwas später: „ Geht hinein durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor, und breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die hineingehen auf ihm." (Mt 7,13)

Die Existenz der Hölle ist sicheres Glaubensgut. „Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, das ewige Feuer." (KKK 1035) Genau wie die Liebe, so hat nämlich auch die verneinte Liebe einen endgültigen Charakter.

Eine verdammte Seele weiß, dass sie ein unendliches . Gut verloren hat und jede Möglichkeit, jemals in seinem Besitz selig zu werden. Daraus folgen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. So sagt der Katechismus: „Die schlimmste Pein der Hölle besteht in der ewigen Tren

nung von Gott, in dem allein der Mensch das Leben und das Glückfinden kann, für die er erschaffen ist und nach denen er sich sehnt." (KKK 1035)

Niemand in der Hölle kann sich entschuldigen, denn Gott, der will, „ dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4), hat auch ihnen alles Nötige angeboten, aber sie haben nicht gewollt [vgl. Mt 23,37]. Jeder weiß ganz genau, wie viele Gnaden er im Leben bekommen und verschmäht hat, und der ,Wurm des Gewissens' wird in Ewigkeit nicht sterben [vgl. Mk 9,48].

Weil der naturhafte Drang der Seele nach Gott bleibt, ihr Wille aber ganz von Gott wegstrebt, so ist es, als ob sie sich selbst zerreißt. Sie hat die Fähigkeit zu lieben verloren und kann nur noch hassen. Auch vor sich selber kann sie nicht mehr fliehen.

Einmal wurde in einer Vision der hl. Schwester Faustyna die Hölle gezeigt. Nach einer eindrücklichen Schilderung bemerkt sie in ihrem Tagebuch: „ Was ich niedergeschrieben habe, ist ein karger Schatten der Dinge, die ich sah. Eines konnte ich bemerken, dort sind meistens Seelen, die nicht an die Hölle geglaubt hatten." (Nr. 741)

DER HIMMEL

Glückseligkeit ist das, wonach alle Wesen streben. Sie besteht in der Erfüllung und Verwirklichung der jedem Wesen eigenen Vollkommenheit. Für Tiere und Pflanzen genügt zur ,Glückseligkeit' die Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse. Weil der Mensch aber nach dem Bild Gottes erschaffen ist, überragt er die sichtbare Schöpfung. Allein die Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse wäre für ihn noch keine Glückseligkeit, denn „ nicht vom Brot allein lebt der Mensch" (Mt 4,4). Er hat ja eine geistige Seele.

Sein Verstand ,dürstet' nach Wahrheit und sein Wille sucht das Gute. Aber alle Wahrheiten und alle Güter der Welt würden nicht genügen, um diesen ,Durst' der Seele zu stillen. Die vernünftige Natur des Menschen weist über sich selbst hinaus auf den hin, der die Wahrheit und das höchste Gut selber ist. Die Glückseligkeit des Menschen muss also eine übernatürliche sein, denn nur in Gott allein kann er Erfüllung finden.

Der christliche Glaube lehrt, dass Gott den Menschen erschaffen hat, um ihn teilhaben zu lassen an seiner eigenen Glückseligkeit. Zu dieser Erkenntnis kam nach langem Suchen der hl. Augustinus: „ Gott, Du hast uns er--schaffen für Dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir." (Confessiones 1,1)

Zur ewigen Glückseligkeit gelangen alle, die im Stand der heiligmachenden Gnade sterben. Die heiligmachende Gnade ist das übernatürliche Leben der Seele. Sie wird im Sakrament der Taufe geschenkt, und sie muss mit Sorgfalt bewahrt werden wie ein „Schatz in irdenen Gefäßen" (2 Kor 4,7). Man kann sie nämlich durch eine schwere Sünde verlieren. Durch die heiligmachende Gnade sind wir Kinder Gottes. „ Sind wir aber Kinder, dann auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi." (Röm 8,17)

Wer den Himmel gefunden hat, hat alles gefunden. Wer ihn aber verliert, verliert alles. „Der Himmel ist das letzte Ziel und die Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte des Menschen, der Zustand höchsten, endgültigen Glücks." (KKK 1024) Die himmlische Glückseligkeit übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Paulus spricht von dem, „was kein Auge sah, was kein Ohr vernahm und was in keines Menschen Herz drang, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2,9). Alle irdische Schönheit und alles Erdenglück zusammen genommen sind nicht mehr als ein Schatten jenes Glücks. Aus dem Glauben wird dann ein Schauen, aus dem Hoffen sicherer Besitz. Die Liebe aber ist das Größte. Sie allein hört niemals auf [vgl. 1 Kor 13,12 f.].

Seien wir mit Paulus überzeugt, „dass die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die sich offenbaren soll an uns" (Röm 8,18)!

DAS ENDE DER WELT

Am Ende der Zeit wird die Welt in ihrer jetzigen Gestalt vergehen. Ihr Untergang wird nach den Worten der Hl. Schrift von großen Drangsalen begleitet sein: „Es werden Zeichen sein an Sonne, Mond und Sternen, und auf Erden wird Angst und Bestürzung sein unter den Völkern wegen des Tosens des Meeres und seiner Brandung. Die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Erwartung dessen, was hereinbrechen wird über den Erdkreis, denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden." (Lk 21,25 f)

Jesus sagt für diese Zeit eine letzte große Prüfung voraus [vgl. KKK 675] und warnt vor falschen Propheten, die verführerisch auftreten und viele verwirren werden [vgl. Mt 24,11.24].

Das große Ereignis jenes Tages wird die glorreiche Wiederkunft Jesu Christi zum Weltgericht sein. Dazu werden dann die Toten auferstehen und die noch Lebenden entrückt „zur Begegnung mit dem Herrn" (1 Thess 4,17). Sein Zeichen wird am Himmel erscheinen, und man wird ihn kommen sehen „ mit großer Macht und Herrlichkeit" (Mt 24,30).

Damit aber die Gläubigen beim Gedanken an jenen Tag nicht verzagen, hat Jesus gesagt: „ Wenn dies zu geschehen anfängt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn es naht eure Erlösung." (Lk 21,28)

DIE AUFERSTEHUNG

Den Glauben an die ,Auferstehung des Fleisches' bekennen wir ausdrücklich im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Darunter versteht man die Wiedererweckung der Leiber am Jüngsten Tag. Es lebt also nicht nur nach dem Tod die unsterbliche Seele des Menschen weiter, sondern am Ende der Welt werden auch die Körper der Menschen wieder lebendig und Leib und Seele auf ewig vereint werden [vgl. KKK 990].

Zur Zeit Jesu hat die Partei der Sadduzäer die Auferstehung geleugnet. In der Antwort auf ihre Fangfrage weist Jesus auf zwei Dinge hin: „Seid ihr nicht deshalb im Irrtum, weil ihr weder die Schriften kennt noch die Kraft Gottes? " (Mk 12,24) Es ist also wichtig, diese beiden gut zu kennen: die Heilige Schrift und die Kraft Gottes.

Zwar hat Gott die Auferstehung im Alten Bund nur Schritt für Schritt geoffenbart [vgl. KKK 992], doch im Neuen Bund erscheint sie in voller Klarheit: „Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und es werden hervorgehen, die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die das Böse getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes." (Joh 5,28 f)

In der ,eucharistischen Rede' Jesu bei Kapharnaum ist die Auferstehung von zentraler Bedeutung: „ Wer

mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag." (Joh 6,54)

Die ,Kraft Gottes' offenbart Jesus vor allem in seinen Wundern, insbesondere durch die Auferweckung von drei Toten [vgl. Mk 5 / Lk 7 und Joh 11]. Vor der Auferweckung des Lazarus sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit." (Joh 11,25 f) Den größten Erweis der ,Kraft Gottes' gibt Jesus in seiner eigenen Auferstehung: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten ... Er aber redete vom Tempel seines Leibes." (Joh 2,19 - 21)

Die Apostel verstanden sich selbst als ,Zeugen der Auferstehung' [vgl. Apg 1,21]. Und Paulus schreibt: „Wohnt aber der Geist dessen in euch, der Jesus von den Toten erweckte, so wird er, der Christus Jesus von den Toten erweckte, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen in euch wohnenden Geist." (Röm 8,11)

Angemessenheitsgründe

Ohne Zweifel ist die Auferstehung des Fleisches eine Herausforderung für den menschlichen Verstand. Man kann aber durchaus gute Gründe für die Angemessenheit der fleischlichen Auferstehung finden.

Der Mensch ist nämlich eine Einheit aus Leib und Seele. Weil also nicht nur die Seele sündigt oder Gutes tut, sondern der Mensch in seiner leib-seelischen Ganzheit, scheint es angemessen, dass auch der Leib Anteil hat am Lohn im Himmel oder an der Strafe in der Hölle. Paulus sagt ja, dass wir alle erscheinen müssen vor dem Richterstuhl Christi, „ damit ein jeder das erhalte, wofür er in seinem Leib tätig war, sei es Gutes, sei es Böses" (2 Kor 5,10).

Ein zweiter Grund betrifft das Erlösungswerk. Von der Sünde hat Gott uns durch das Opfer Christi am Kreuz schon in diesem Leben befreit, doch die Folgen der Sünde, wozu der Tod gehört, dauern einstweilen fort. Wenn nun der Leib ewig tot bliebe, wäre die Sünde nicht ganz überwunden. Damit aber der Sieg Jesu vollkommen sei, soll nach Gottes Willen der Leib auferstehen, denn „wenn dieses Verwesliche Unverweslichkeit angezogen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit angezogen hat, dann wird zutreffen das Wort, das geschrieben steht: , Verschlungen ist der Tod im Sieg! Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" (1 Kor 15,54 f)

Schließlich hat die Seele des Menschen eine natürli­che Hinordnung auf den Leib, denn sie wurde ja als See­le für einen Leib erschaffen. Deshalb ist der Zustand der Trennung für sie gewissermaßen unnatürlich. So schreibt der Katechismus des Konzils von Trient: „Denn wie ein jeder Teil, vom Ganzen losgetrennt, unvollkommen ist: so auch die Seele, wenn sie mit dem Leib nicht vereinigt ist. Daraus folgt, dass, soll ihr zur höchsten Glückselig­keit nichts fehlen, die Auferstehung der Leiber notwen­dig ist." (Cat. Rom. 1,12,5)

Beschaffenheit des Auferstehungsleibes

Auch über die Beschaffenheit der Leiber nach der Auferstehung gibt die Hl. Schrift Auskunft. Der hl. Apo­stel Paulus schreibt, Jesus Christus werde „ unseren arm­seligen Leib umgestalten, dass er teilhabe an der Gestalt seines verherrlichten Leibes" (Phil 3,21). Es wird also unser Leib dem verklärten Leib Jesu nach der Auferste­hung ähnlich sein, dessen wirkliche Leiblichkeit die Schrift ausdrücklich bezeugt [vgl. Lk 24,36 - 43].

Nach der Lehre der Kirche wird der Auferstehungs­leib genau derselbe sein, mit dem wir hier auf Erden gelebt haben, ebenso wie auch die Wundmale Jesu be­zeugen, dass sein Auferstehungsleib derselbe war, mit dem er am Kreuz für uns gelitten hat. In diesem Sinn sagt Paulus: „Dieses Verwesliche muss anziehen Un­verweslichkeit, und dieses Sterbliche muss anziehen Un­sterblichkeit." (1 Kor 15,53)

Wenn es auch derselbe Leib sein wird, so wird er doch andere Eigenschaften haben: „ Gesät wird in Verweslichkeit, auferweckt in Unverweslichkeit. Gesät wird in Unansehnlichkeit, auferweckt in Herrlichkeit. Gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Kraft. Gesät wird ein sinnenhafter Leib, auferweckt ein geistiger Leib." (1 Kor 15,43 f) Nach dem hl. Augustinus [t 430] werden die Leiber nach der Auferstehung vollkommen und schön und ohne den geringsten Fehler sein [vgl. De civ. Dei 22,19].

Der hl. Johannes Chrysostomos [t 407] sagt in seiner ersten Homilie über den II. Korinther-Brief: „ Wenn du das erloschene Auge siehst und den entstellten Mund und den regungslosen Leib, so denke nicht bei dir selbst: Jetzt redet nimmer dieser Mund, nimmer schauen diese Augen, nimmer wandeln diese Füße; alles verfällt rasch der Auflösung. Sage lieber: Dieser Mund wird besser reden, diese Augen Größeres schauen, diese Füße über Wolken schreiten, der verwesliche Leib wird mit Un­sterblichkeit sich umkleiden, und herrlicher bekomme ich den Sohn wieder. Und wenn das, was das Auge schaut, dich zur Trauer stimmt, so sprich zu dir selbst: Ein Gewand ist es, das er abgelegt hat, um es kostbarer zurückzuerhalten; ein Haus ist es, das abgebrochen wur­de, um glänzender wieder zu erstehen."

DAS WELTGERICHT

Neben dem persönlichen Gericht beim Tod jedes einzelnen Menschen wird es nach der Auferstehung noch ein allgemeines Weltgericht geben. Dann wird Jesus Christus kommen, um „ verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert zu werden in allen, die glaub­ten" (2 Thess 1,10).

Er wird alles offen legen, und jeder wird sehen kön­nen, wie gut und sinnvoll Gott die Welt erschaffen, wie weise er die Geschicke der Menschen geleitet und wie er selbst das Böse zum Guten gelenkt hat. Was den Men­schen zu Lebzeiten oft rätselhaft und dunkel schien, wird in seinen tieferen Zusammenhängen sichtbar werden. Alles Fragen wird endgültig verstummen, und was wir gegenwärtig nur wie einzelne Steine eines Mosaiks se­hen, wird geschaut werden als ein großes und herrliches Bild.

Sowohl den Bösen als auch den Guten wird dann vollkommene Gerechtigkeit zuteil, und „diese werden hingehen in ewige Pein, die Gerechten aber ins ewige Leben" (Mt 25,46).

Wenn dann der Sieg vollendet und Christus alles unterworfen sein wird, „ dann wird auch der Sohn selber sich dem unterwerfen, der ihm alles unterwarf damit Gott alles in allem sei" (1 Kor 15,28).

DAS SAKRAMENT DER KRANKENSALBUNG

Ebenso wie die hl. Beichte steht auch das Sakrament der Krankensalbung [oder auch ,Letzte Ölung'] in be­sonderem Zusammenhang mit unserer Schwäche. Beide Sakramente sind notwendig, weil die menschliche Natur seit dem Sündenfall verwundet ist. Während aber das Bußsakrament direkt auf die Vergebung der Sünden und die Heilung innerer Wunden zielt, bezieht die heilige Ölung in besonderer Weise auch die leibliche Dimension des Menschen mit ein. Um die Krankensalbung frucht­bringend zu empfangen, sollte ihr nach Möglichkeit im­mer eine gute Beichte vorausgehen.

Von der Krankensalbung schreibt der hl. Apostel Jakobus: „Ist unter euch jemand krank, so rufe er die Priester der Kirche; die sollen über ihn beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn, und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken zum Heile sein, und der Herr wird ihn aufrichten, und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden." (Jak 5,14 f)

Die Krankensalbung erinnert daran, wozu wir ge­schaffen sind und wozu uns der Leib gegeben ist. Der Christ betrachtet nämlich den Leib als ein ihm von Gott anvertrautes Talent, über dessen Gebrauch er einmal wird Rechenschaft ablegen müssen [vgl. Mt 25,19]. In der Taufe wurde nicht nur unsere Seele, sondern auch unser Leib geheiligt. Der gute Gebrauch des Leibes bringt uns Heil und Segen, jeder Missbrauch aber ist Sünde und muss gesühnt werden. So sagt der hl. Apostel Paulus: „ Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt? Ihn habt ihr von Gott, und nicht euch selber gehört ihr. Denn ihr wurdet erkauft um einen Preis. So verherrlicht denn Gott in eurem Leib!" (1 Kor 6,19 f)

Das Sakrament kann nur von einem Priester gültig gespendet werden [vgl. CIC can 1003]. Im klassischen Ritus der Krankensalbung streckt der Priester nach eini­gen einleitenden Gebeten seine Hand über dem Kranken aus und gebietet unter Anrufung der himmlischen Heer­scharen den Mächten der Finsternis. Dann salbt er mit dem vom Bischof geweihten Öl die Sinne des Kranken: zuerst die Augen, dann die Ohren, die Nase, den Mund, die Hände und die Füße, wobei er jeweils spricht: „Dur­ch diese heilige Salbung und seine mildreichste Erbar­mung verzeihe dir der Herr, was immer du [mit den Au­gen, mit den Ohren, mit dem Mund gesündigt hast." [Für den neuen Ritus vgl. KKK 1513.]

Die Krankensalbung vermittelt eine heilende Kraft für Seele und Leib. Diese ist angedeutet im Zeichen des Öls, denn wie Öl in einer Wunde lindernd und heilend wirkt, so richtet das Sakrament den Kranken auf, ver­mittelt geistigen Trost, heilt seelische Wunden, tilgt Sün­den und stärkt ihn insbesondere für den letzten Kampf. Es vermehrt in ihm auch die heiligmachende Gnade undverleiht ihm ein Anrecht auf alle helfenden Gnaden, deren er in seiner leib-seelischen Not bedarf. Die Wir­kungen des Sakramentes dauern so lange wie die Krank­heit dauert.

Die Erfahrung zeigt, dass viele Kranke nach dem Empfang des Sakramentes innerlich verändert sind. Ihr Gemüt wird ruhiger. Sie sind geduldiger und ganz erfüllt vom Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Nicht selten beobachtet man aber auch eine deutliche leibliche Kräfti­gung des Kranken, bis hin zur völligen Genesung.

Ein sehr schöner Gedanke findet sich im Katechis­mus: „Durch sein Leiden und seinen Tod am Kreuz hat Christus dem Leiden einen neuen Sinn gegeben: es kann uns nun ihm gleichgestalten und uns mit seinem erlösen­den Leiden vereinen." (KKK 1505) Solch eine besondere Vereinigung des Kranken mit dem leidenden Christus bewirkt das Sakrament der Krankensalbung: „Er wird gewissermaßen dazu geweiht, durch die Gleichgestal­tung mit dem erlösenden Leiden des Heilands Frucht zu tragen. Das Leiden, Folge der Erbsünde, erhält einen neuen Sinn: es wird zur Teilnahme am Heilswerk Jesu." (KKK 1521)

Bei der Frage nach dem rechten Zeitpunkt zur Spen­dung des Sakramentes muss man sich vor zwei Extremen hüten. Wenn in früheren Zeiten vielleicht die Tendenz bestand, mit der Spendung zu lange zu warten, so dass der Priester nicht selten zu spät kam und der Kranke schon tot oder nicht mehr bei Bewusstsein war, so be­obachtet man heute eher eine zu große Leichtfertigkeit. Ob und wann das Sakrament gespendet werden darf, unter­steht nicht priesterlicher Willkür, sondern ist durch klare kirchenrechtliche Bestimmungen geregelt [vgl. CIC can 998 - 1007]. Dazu müssen drei Bedingungen erfüllt sein.

1.) Der Empfänger muss den Vernunftgebrauch be­reits erlangt haben. Wird ein Priester zu sterbenden un­mündigen Kindern gerufen, wird er keine Krankensal­bung, sondern allenfalls die Nottaufe und/oder die Not­firmung spenden.

2.) Der Empfänger muss gefährlich [periculose] er­krankt sein oder sich wegen Altersschwäche in Lebens­gefahr befinden. Bei gewöhnlichen Erkrankungen ohne lebensbedrohlichen Charakter wird der Priester einen Krankensegen sprechen.

3.)Der Empfänger muss noch leben. Einem Be­wusstlosen kann das Sakrament gespendet werden, wenn mit einiger Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass er es begehrt haben würde.

Für den Fall eines Zweifels, ob der Kranke den Ver­nunftgebrauch erlangt hat, ob er gefährlich erkrankt oder ob der Tod schon eingetreten ist, sagt das Kirchenrecht ausdrücklich, dass das Sakrament gespendet werden soll [vgl. CIC can 1005]. Gemäß dem Rituale Romanumgeschieht dies dann bedingungsweise: „ Wenn du noch lebst ..."

Wer nach der Krankensalbung genesen, doch später wieder schwer erkrankt ist, kann das Sakrament erneut empfangen. Im Laufe derselben Krankheit kann das Sa­krament dann wiederholt werden, wenn die Gefahr be­drohlicher geworden ist [vgl. CIC can 1004 § 2].

Falls der Kranke es nicht mehr selbst kann, haben die Angehörigen die Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Prie­ster rechtzeitig gerufen wird. Die Ausrede, man wolle den Kranken nicht beunruhigen, kann in Wirklichkeit eine große Grausamkeit sein, denn der Tod lässt sich dadurch gewiss nicht aufhalten. Nach den Worten des Katechismus ist der rechte Augenblick dann gekommen, „wenn der Gläubige beginnt, wegen Krankheit oder Altersschwäche in Lebensgefahr zu geraten" (KKK 1514). Man soll also nicht zu lange warten!

Christliche Ärzte und Pflegepersonal sollten sich stets der Grenzen ihrer Kunst bewusst sein und sich auch dem Seelenheil des Kranken verpflichtet wissen. Wenn keine Angehörigen anwesend sind, ist es ihre Pflicht, sterbenden Katholiken einen Priester zu rufen.

Mit der Krankensalbung ist gewöhnlich auch die Krankenkommunion verbunden. Empfängt man diese vor dem Tod zum letzten Mal, spricht man von der heili­gen Wegzehrung.

SAKRAMENTENEMPFANG IM ALTER

Ältere Menschen sollten, vor allem wenn sie immer treu als Katholiken gelebt haben, gerade in der letzten Phase ihres Lebens auch im Empfang der Sakramente zu einer gewissen Reife kommen. Solange die körperlichen Kräfte es erlauben, wird es ein selbstverständliches Be­dürfnis sein, möglichst oft - und wenn es sein kann sogar täglich - zur heiligen Messe zu gehen.

Eine im Fernsehen übertragene heilige Messe kann wohl für solche, denen der Kirchgang aus gesundheitli­chen Gründen nicht möglich ist und die deshalb von der Sonntagspflicht entschuldigt sind, hilfreich sein, um sich geistig mit dem Priester am Altar zu vereinen. Man darf aber nicht meinen, eine solche Messe anzuschauen sei ein Ersatz für die wirkliche Teilnahme am heiligen Messopfer. Es wäre nicht recht, sich aus Bequemlichkeit mit einer ,Fernsehmesse' zu begnügen, wenn man selbst am Sonn­tag noch zur Kirche gehen könnte [vgl. Sacr caritatis 57].

Auch werden heute vielerorts Bußandachten mit Generalabsolution angeboten. Das ist zwar ein beque­mer, aber ganz falscher Weg. Eine Lossprechung über solche, die nicht beichten wollen, ist von vornherein ungültig, denn eine gültige Generalabsolution setzt im­mer den Willen voraus, das persönliche Bekenntnis schwerer Sünden baldmöglichst nachzuholen [vgl. CIC can 962 §1]. Nicht selten haben heute Katholiken seitvielen Jahren nicht mehr gebeichtet, wobei sie doch im Inneren spüren müssen, dass die persönliche Begegnung mit Jesus im Bußsakrament durch eine billige Massen­abfertigung keineswegs ersetzt werden kann. Weil der Schaden, der durch den Verlust der hl. Beichte in vielen Seelen entstanden ist, unermesslich groß ist, hat Papst Johannes Paul II. im April 2002 in seinem Motuproprio ,Misericordia Dei' die geltenden kirchlichen Normen zu dieser Frage eindringlich ins Gedächtnis gerufen.

Solange wir gesund und bei klarem Verstand sind, wollen wir darum beten, dass unsere Liebe zum Herrn und die Sehnsucht nach dem Empfang der Sakramente im Alter nicht nachlässt, sondern wächst. Der Gedanke an das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben [vgl. 1 Kor 2,9], möge uns vor jeder geistlichen Stumpf­heit und Gleichgültigkeit bewahren.

Es ist Gnade, bis zur letzten Stunde in der Liebe Got­tes und aus der Kraft der Sakramente zu leben!

Vorbereitung auf die heilige Beichte

Manche ältere Menschen haben besondere Schwie­rigkeiten mit der Beichte, weil sie meinen, keine Gele­genheit mehr zum Sündigen zu haben, und deshalb nicht recht wissen, was sie beichten sollen. Aber ist es wirk­lich wahr, dass man im Alter nicht mehr sündigen kann?

Sicherlich sind die Herausforderungen im Alter an­dere als in der Jugend. Aber sündigen kann man nicht nur im Tun, sondern auch mit Blicken, Worten oder in Gedanken. Die Erfahrung zeigt, dass gewisse Versu­chungen sogar bis ins hohe Alter sehr hartnäckig sein können.

Wenn wir auch älter werden, so ist doch etwas in uns, was stets jung bleibt, und „ mag auch unser äußerer Mensch aufgerieben werden, so wird doch der innere von Tag zu Tag neu" (2 Kor 4,16). Diese innere Kraft, die antreibt zu einem christlichen Leben und zum heil­bringenden Empfang der Sakramente, ist die Liebe zu Gott. Ihn sollen wir lieben aus unserem ganzen Herzen, aus unserer ganzen Seele, aus unserem ganzen Denken und aus unserer ganzen Kraft [vgl. Mk 12,30]. Die Liebe aber macht nicht blind, sondern sensibel. Sie gibt ein helles, waches Auge.

Wer immer nur im Halbdunkeln putzt, wird bald meinen, es sei alles in bester Ordnung, nur weil er den Schmutz nicht sieht. Er würde ihn aber sehen, wenn er helles Licht entzünden und auch in die Ecken schauen würde. So ähnlich geht es mit mancher Seele, die nur deshalb keine Flecken sieht, weil sie weder genug Licht hat noch sich bemüht, auch in die ,Ecken' zu schauen.

Eine gute Vorbereitung auf die hl. Beichte ist un­erlässlich, denn je besser man disponiert ist, desto gna­denreicher wirkt das Sakrament.

Dazu gehört, dass man sich auch wirklich die zur Vorbereitung notwendige Zeit nimmt und die Umstände so wählt, dass man möglichst nicht gestört wird.

Man bete zum Heiligen Geist um eine gute und heil­same Selbsterkenntnis. Dann lese man aufmerksam einen guten Beichtspiegel [siehe nächstes Kapitel und den Hinweis am Ende dieses Büchleins] und prüfe im Licht Gottes sein gegenwärtiges und vergangenes Leben. Wer selbst nicht mehr lesen kann, mag vielleicht einen lieben Menschen bitten, ihm den Beichtspiegel langsam und deutlich vorzulesen?

Es kann sehr hilfreich sein, bei der Gewissenserfor­schung einen Zettel zu verwenden und Stichpunkte zu notieren.

Schließlich erwecke man eine lebendige Reue und den Wunsch, von der Gnade Gottes ganz verwandelt zu werden.

Der Schritt zur hl. Beichte wird dann nicht mehr schwierig sein. Sie ist ein wahres Bedürfnis und eine große Wohltat für die Seele!

GEWISSENSFRAGEN FÜR ÄLTERE MENSCHEN

Vergangenes Leben

Gibt es in meinem vergangenen Leben alte Lasten? -eine schwere Sünde, die ich noch nicht oder nicht gut gebeichtet oder sogar absichtlich verschwiegen habe?

Habe ich meine Pflichten gegenüber Gott und der Kirche erfüllt? - mich um ein geordnetes geistliches Le­ben bemüht? Habe ich meine Sonntagspflicht erfüllt? -das Freitagsgebot beachtet? Habe ich mich in der Ver­gangenheit um eine gute und heilsame Selbsterkenntnis bemüht? - regelmäßig mein Gewissen erforscht?

Fortsetzung Teil 2