Seelenschau


Der stigmatisierte Kapuziner Pater Pio in Giovanni Rotondo, ein Märtyrer des Beichtstuhls, besaß die göttlichen Gaben der Seelenschau. Das spürten vor allem viele Gläubige, wenn sie bei ihm im Beichtstuhl knieten.    

Eine Dame um die Vierzig kniete einmal als Letzte an der Kommunionbank. P. Pio herrschte sie streng an: "Weg, weg mit Dir!" Weinend und totenbleich verließ sie die Kirche. Warum wohl wurde sie vor aller Augen von ihm weggeschickt? Sie selber wusste es; sie erzählte, sie habe bei einem anderen Pater gebeichtet und sogar des Öfteren ihren Ehebruch bekannt – dies jedoch ohne Reue und ohne den Vorsatz, von ihrem Jugendfreund zu lassen. Dieser Pater freilich konnte ihr nicht in die Seele schauen und musste so ihren Worten und Vortäuschungen glauben. Pater Pio aber hatte sie sofort durchschaut und ihr diesen heilsamen Schock versetzt. Tagelang rang sie nun mit sich, bis sie den Entschluss fasste, ein neues Leben zu beginnen. Nach einer reuigen Beichte kniete sie wieder bei Pater Pio an der Kommunionbank und empfing aus seiner Hand dankbar den Heiland.

Eine große Sünderin, die ihr Kind ertränkt hatte, rief Pater Pio alle ihre Sünden, bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis auf, außer dieser einen. Der Pater wollte, dass sie eingestand, aber die Frau schwieg. Schließlich sagte er ihr: „ Schau dort in den Teich!“. Sie war überrascht und nach einem heftigen Kampf mit sich selbst, bekannte sie. „ Jetzt kann ich dir die Lossprechung geben“ sagte Pater Pio.

Ein junger Mann wurde ebenso von Pater Pio vorerst von der Kommunionbank verwiesen. Er legte dabei die hl. Hostie in den Kelch zurück und verwarnte ihn: "Du hast zuerst die Beichte nötig! Weg, weg!"

1921 hatte sich ein Mann, der zu einer Bande ruchloser Verbrecher gehörte, entschieden, seine Frau zu töten, um frei zu sein, eine andere Frau zu heiraten. Er schmiedete einen Plan, der ihm ein gutes Alibi geben würde. Seine Frau war eine Anhängerin von Pater Pio, der in der kleinen Stadt Gargano wohnte. Da niemand in dieser Stadt etwas von ihm und seinem schlechten Ruf wusste, dachte er, dass hier der richtige Platz sei, um seinen mörderischen Plan in die Tat umzusetzen. Eines Tages schlug er seiner Frau vor, eine Reise nach Gargano zu machen. Hierbei hätte sie Gelegenheit, den Ordensbruder zu besuchen, den sie so sehr bewunderte. Als sie in der Stadt ankamen, ließ er seine Frau im Hotel zurück und ging zum Kloster, um für sie einen Beichttermin bei Pater Pio zu vereinbaren. Er glaubte, dass es sein Alibi bestätigen würde, wenn er in der Stadt gesehen wird, während seine Frau bei der Beichte ist. Er suchte nach einem Gasthaus, in dem er einige Bewohner der Stadt zu einem Getränk einladen würde. Unter irgendeinem Vorwand würde er das Wirtshaus verlassen, seine Frau umbringen, die gerade ihre Beichte beendet hat, und danach in die Kneipe zurückkehren. Das Kloster war einsam auf offenem Land gelegen und er war sicher, dass niemand in der Abenddämmerung etwas sehen würde. Der Plan war perfekt. Als er das Kloster erreichte, sah er Padre Pio im Beichtstuhl. An dieser Stelle fühlte er einen Drang, dem er sich nicht entziehen konnte. Er kniete vor dem Beichtstuhl nieder und begann, das Kreuzzeichen zu machen. Bevor er damit fertig war, kamen Rufe aus dem Beichtstuhl: „Gehen Sie fort, gehen Sie fort, gehen Sie fort! Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, jemanden zu töten?“ Dann packte Padre Pio den Mann am Arm und führte ihn weg. Der Mann war erstaunt, fassungslos und bestürzt. Er rannte aufs Land hinaus, wo er über einen Felsblock stolperte und mit dem Gesicht in den Schlamm fiel. Zum ersten Mal erkannte er die Schrecken seines Lebens voller Sünde. Nach einer Weile sah er all sein boshaftes Handeln und seine Bosheit bereitete seinem Verstand unendliche Qualen. In den Tiefen seiner Seele aufgewühlt kehrte er zur Kirche zurück und fragte Pater Pio, ihm die Beichte abzunehmen. P. Pio stimmte zu und mit unendlicher Freundlichkeit sprach er zu ihm, als ob sie alte Freunde wären. Padre Pio führte das ganze Leben des Mannes auf, Augenblick für Augenblick, Sünde für Sünde, Verbrechen für Verbrechen, alles in jeder Einzelheit, bis er schließlich zu seiner letzten Absicht kam, die Frau zu töten. Der Mann hörte Pater Pio zu, wie der von dem Mord sprach, den er in seinem Kopf geplant hatte. Nie hatte er zu jemandem davon gesprochen. Erschöpft, aber letztendlich frei warf der Mann sich dem Mönch zu Füßen und bat um Vergebung. Aber dies war nicht das Ende. Vor der Absolution fragte Pater Pio ihn: „Haben Sie sich nicht Kinder gewünscht? Nun, verstoßen Sie nicht mehr gegen die Gebote Gottes und Sie werden ein Kind haben.“ Ein Jahr später kam der Mann zu Pater Pio zurück. Er hatte sein Leben völlig geändert. Er war der Vater eines Kindes, das von derselben Frau geboren worden war, die er töten wollte.

Ein Priester erzählte von einer Begebenheit, die einem Mitbruder geschah: Er war von sehr weit her gekommen, um bei Pater Pio zu beichten. Nach der Beichte fragte ihn der Pater: "Mein Sohn, hast Du sonst noch irgend etwas zu beichten?" "Nein, Padre"- Pater Pio forderte ihn auf, darüber nachzudenken, ob er nicht doch etwas vergessen haben könnte. Er dachte nach und überprüfte sein Gewissen - ohne Erfolg. Er wusste nicht, was er noch hätte beichten können. Darauf teilte es ihm Pater Pio mit Freundlichkeit mit: Mein Sohn, gestern bist Du um 5.00 am Morgen in Bologna angekommen, als die Kirchen noch verschlossen waren. Anstatt dort zu warten bist Du in das Hotel gegangen, um Dich vor der Messe auszuruhen. Und dann bist Du zu Bett gegangen hast so tief geschlafen, dass Du erst um drei Uhr am Nachmittag aufgewacht bist. Da war es bereits zu spät, um die Messe zu besuchen. Ich weiß, dass Du das nicht mit bösem Willen getan hast, aber es war eine Nachlässigkeit, die unseren Herrn verletzte.

Pater Pio überging öfter einzelne Gläubige bei der Spendung der Hl. Kommunion, da ihr Seelenzustand nicht in Ordnung war. Jeder erkannte dann selbst den Grund und sein Gewissen rührte sich.